Die richtige Berechnung des Stundensatzes - Netztempel - Konrad Tempel

Richtige Berechnung des Stundensatzes für Selbständige

Dieser Artikel ist schon etwas älter. Damals habe ich hier noch über Design, Webtrends, Fotografie und die Kreativbranche geschrieben.

Inzwischen geht es nur noch um interessante Videos, das Erstellen interessanter Videos und das Verbreiten interessanter Videos auf YouTube. Ja ich weiß, klingt langweiliger - macht aber Spaß!

Ich hoffe dir gefällt der Artikel trotzdem (oder gerade deswegen?)

Es ist ein viel diskutiertes Thema und eine Frage, die auch mir häufig gestellt wird: Wieviel kann, soll, darf oder muss ich als Selbständiger für meine Leistungen berechnen? Hier nun eine Antwort.

Die richtige Berechnung des Stundensatzes - Netztempel - Konrad Tempel

Bruttoverdienst eines Angestellten

Um unseren Stundensatz zu kalkulieren orientieren wir uns zunächst an dem Gehalt eines festangestellten Kollegen. Ob nun für Grafikdesigner, Bild- oder Tontechniker, Werbefachmänner oder Fotografen, der jeweilige Berufsverband kann zumeist mit statistischen Daten dienen. Im folgenden Beispiel orientieren wir uns an zwei Erhebungen:

  1. Dem Durchschnittsgehalt von Kommunikationsdesignern 2011, ermittelt durch den Berufsverband der Kommunikationsdesigner: 2625,99 € (brutto)
  2. Dem Durchschnittsgehalt der deutschen Kreativbranche (Grafik, Werbung, Fernsehen etc.) 2009, ermittelt durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung e.V.: 1888,50 € (netto, rund 3000 € brutto)

Wenn wir die beiden Bruttowerte mitteln kommen wir auf rund 2800 € Monatslohn eines Vollzeitangestellten in der Kreativbranche.

Das Jahreseinkommen

Jetzt gilt es das Jahresgehalt zu bestimmen. Oft bekommt ein Arbeitnehmer ein 13. Monatsgehalt. Wir rechnen mit 50%. Dazu kommt, dass eine selbständig arbeitende Person den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherung mit tragen muss. Bei rund 20% ergibt sich folgende Rechnung:

12 x 2800 = 33600
+ 1400 (13. Gehalt) = 35000
+ 7000 (Arbeitgeberanteil) = 42000 €
42000 € muss unser Selbständiger also pro Jahr erwirtschaften.

Umrechnung auf die Arbeitsstunde

2013 haben wir durchschnittlich 251 Arbeitstage in Deutschland. Ziehen wir den gesetzlichen Mindesturlaub von 20 Tagen ab, bleiben 231 Arbeitstage. Legt man einen 8-Stundentag zu Grunde ergibt sich ein Stundensatz von 22,73 €.

Ein Selbständiger kann jedoch nicht jede seiner 8 täglichen Arbeitsstunden in Rechnung stellen. Zu beachten ist, dass ein Alleinunternehmer die Buchhaltung sowie Kundenakquise und -kommunikation selbst bewältigen muss. Angebote müssen geschrieben, Rechnungen gestellt, Meetings abgehalten und Präsentationen ausgearbeitet werden. In einem größeren Unternehmen arbeiten schließlich auch Menschen, die eben solche Aufgaben erledigen und nicht direkt für das Kerngeschäft tätig sind. 40% der Arbeitszeit für diese Aufgaben einzurechnen ist durchaus realistisch. Das erhöht den Stundensatz auf 37,88 €.

Dazu kommen die eigenen Investitionen. Die Miete für Büro oder Arbeitsräume, technisches Equipment wie Computer oder Kameras, Versicherungen, Verbrauchsmaterial, Weiterbildungen, Reisen, Werbematerial und Software. Diese Betriebsausgaben schwanken sicher je nach Profession und Dienstalter des Selbständigen. 20% des Umsatzes sind jedoch sicherlich noch zurückhaltend gerechnet. Der Stundensatz erhöht sich damit auf 47,35 €.

Der Stundensatz

Jetzt war unser Selbständiger noch keinen Tag krank, es gab keine saisonalen Schwankungen und er war durchgehend voll ausgelastet. Außerdem floss das Unternehmerische Risiko nicht mit in die Berechnung ein und von Boni oder sonstigen betrieblichen Annehmlichkeiten (Sportkursen, Dienstwagen, Weihnachtsfeiern etc.) ist keine Rede.

Bedenkt man all diese Punkte, landet unser Selbständiger bei einem Stundensatz von gut 50 – 60 € um das, nicht unbedingt besonders üppige, Vergleichsgehalt von rund 1800 € netto zu erreichen.

Karriereleiter auch bei Selbständigen

So wie ein Angestellter zumeist mit einem gering bezahlten Praktikum seine Laufbahn beginnt, sollte man auch als Selbständiger nicht gleich 60 € Stundensatz für seine erste kleine Projektanfrage neben dem Studium veranschlagen. Nach 1-2 Jahren und mit einer Sammlung an qualitativen Referenzprojekten im Hintergrund kann man seinen Stundensatz auf das Niveau eines üblichen Einstiegsgehalts anheben. Wichtig ist jetzt die Rentabilität seiner Unternehmung immer im Auge zu behalten.

Nach ein paar Dienstjahren und vor allem im Hinblick auf die Versorgung einer Familie gilt es die Vergütung zu erhöhen und den hier errechneten Stundensatz entsprechend anzupassen. Eine Beförderung im Unternehmen bringt schließlich auch alle paar Jahre eine Gehaltserhöhung mit sich. Und in beiden Situationen gilt: durch konsequent gute Arbeit steht einem ein, dem Lebensalter und der Lebenssituation angepasstes Gehalt zu.

Fazit der Stundensatzkalkulation

Bei Kunden stoßen die Stunden- und Tagessätze der Kreativbranche immer wieder auf Verwunderung und aus der Sicht eines Arbeitnehmers hören sich 50, 70 oder gar 90 € pro Stunde im ersten Moment wohl etwas wahnwitzig an. Dies ist schlicht der Unwissenheit geschuldet. Denn wie unsere Kalkulation zeigt, ist ein Stundensatz von 50 bis 60 € kein Wucher, sondern gerade einmal auf dem Niveau eines Einstiegsgehalts.

Wichtig für einen Selbständigen ist, sich immer an den aktuellen Bedürfnissen seiner Unternehmung zu orientieren und eine solide betriebswirtschaftliche Berechnung zu machen. Ein realistischer und kostendeckender Stundensatz ist ausschlaggebend für den dauerhaften Erfolg. Defizite in der kaufmännischen Kalkulation sind nicht ohne Grund die größte Schwachstelle bei Neugründungen (GründerZeiten Nr. 25 – Thema: Kostenrechnung).

Wer zu gering kalkuliert tut dies oft auf Kosten der Verwaltung seiner Unternehmung. Akquise, Image und die interne Struktur sind die leidtragenden Bereiche. Dabei ist eine gute Pflege nach innen und außen oft der entscheidende Erfolgsfaktor bei Selbständigen.

Nützliche Links:
GründerZeiten Nr. 25 – Thema: KostenrechnungiPhone App DesignfeeCalculator

Nachtrag:

In der Diskussion zeigt sich schnell, dass viele Kreative das Hauptproblem darin sehen, dass die Kunden solche Preise nicht bezahlen. Der errechnete Stundensatz scheint zu hoch. Doch wie kann das sein? Sollte eine solide, kostendeckende und gewinnbringende Kalkulation als Selbständiger illusorisch sein?

Die Suche nach Gründen und Lösungen

Ein großes Problem scheinen Kollegen (oft Anfänger) zu sein, die zu geringe Preise aufrufen und damit dem ganzen Markt schaden. Die Motive dazu sind sicherlich vielseitig: Das Sammeln von Referenzprojekten und Erfahrungen, finanzielle Sicherheit durch anderweitige Einkünfte oder schlicht eine schlechte Kalkulation. Konkurrenzdruck und die Angst vor dem Verlust des Kunden tun ihr übriges.

Was können wir da machen? Aufklärung! Und das ist genau was dieser Artikel bezweckt. Mir ist klar, dass man nicht bei jedem Kunden starr auf seinem Stundensatz beharren kann und dass man manchmal Kompromisse eingehen muss. Nur ist es einfach wichtig, die Wirtschaftlichkeit seiner Unternehmung im Auge zu behalten und realistisch zu kalkulieren.

Wo siehst du die Probleme bei der Preisgestaltung? Was sind deine Erfahrungen als Selbständige/er?

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9 Comments
  • Mate Steinforth
    Posted at 21:32h, 24 Januar Antworten
  • Konrad Höfer
    Posted at 23:42h, 25 Januar Antworten

    Ach ja, der oben kalkulierte Stundensatz bezieht sich nicht unbedingt auf Berufseinsteiger. Es ist eine allgemeines Berechnungsbeispiel für einen Stundensatz, der mit 1800 € monatlichem Nettolohn vergleichbar ist.

  • Crowdsourcing – Kreativität als schnelle Massenware | visuelle welt
    Posted at 14:19h, 29 April Antworten

    […] es sich dabei schon um einen Dumping-Stundensatz handelt habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich behandelt. Außerdem ist zu bedenken, dass ein Teilnehmer ja nicht jedes mal den Gewinnerentwurf beisteuert. […]

  • tagwerk
    Posted at 20:58h, 31 Mai Antworten

    Ob Berufseinsteiger oder Fortgeschrittene, ein kostenloses Tool zur Berechnung des Stundensatzes für alle Freelancer gibt es hier https://www.mein-tagwerk.de/app/stundensatzrechner.html

    Probiert es gerne aus!

  • wertsatz
    Posted at 10:00h, 07 Juni Antworten

    Ich habe begonnen, meine Erfahrungen zum Thema Selbständigkeit (und im Speziellen hier mit Stundensatz und Co.) in einem – neuen Blog – zu beschreiben. http://wertsatz.de/2013/06/06/stundensatz-berechnen/ Ich sehe vor allem ein großes Problem im mangelnden Selbstbewusstsein der Selbstständigen und in der Auswahl der richtigen Kunden.

  • Katja
    Posted at 07:33h, 11 März Antworten

    Guten Tag liebe Community,

    ich erbringen kaufmännische Dienstleistungen für Schwangerschafts-, Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen. Dies kann daher über den Zeitraum nur einiger Wochen gehen, aber auch recht langfristig ausgelegt sein. Ich bin aktuell rund +- 32 Stunden die Woche mit Aufträgen ausgelastet, habe aber damit auch noch Puffer für Neuaufträge bzw. Zeit für meinen eigenen Papierkram. Wenn ich mir für meinen Bereich die hier aufgeführte „realistische“ Kalkulation zu Gemüte führe, dann kann ich nur schmunzeln. So ein Stundensatz ist für meine Branche völlig abwegig! Erstens ist die Konkurrenz (sogar selbständige Steuerberaterfachangestellte nehmen weniger) um ein Vielfaches günstiger, kalkuliert also aus Eurer Sicht auch falsch, und zum anderen gehören zu meinen natürlichen Feinden die Zeitarbeitsfirmen sowie 450-Euro-Kräfte. Vielleicht sollte man sich auch immer erst mal überlegen, was man im Leben möchte und wo man hin will. Ich lebe nach wie vor sehr preisbewusst, strebe keinen 911 an und möchte kein Marmorschloss bauen. Unnötige Ausgaben sind bei mir ebenso wenig zu finden, wie überflüssige Versicherungen und überstüzte Investitionen. Natürlich war mein Ziel zu Beginn, dass ich nicht schlechter wie eine Angestellte gestellt sein möchte, aber dafür auch viele berufliche Freiheiten habe und zufrieden bin. Außerdem lautet meine Devise, erst mal mit dem Fuß in die Tür zu kommen. Wenn ich einen Kunden von meinem Konzept, Kompetenz und damit seinen Vorteilen überzeugen kann, ist mir der Auftrag fast sicher. Preisanpassungen sind dann einfacher und plausibel zu erwirken, wie ein von vorne herein völlig utopischer Stundensatz der weder den Auftrag an Land zieht, noch leere Mägen füllt. Have a nice day!!

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    Posted at 12:54h, 29 November Antworten

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    Posted at 18:42h, 07 Dezember Antworten

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    Posted at 06:12h, 08 Dezember Antworten

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