crowdsourcing - Netztempel - Konrad Tempel

Crowdsourcing – Kreativität als schnelle Massenware

Dieser Artikel ist schon etwas älter. Damals habe ich hier noch über Design, Webtrends, Fotografie und die Kreativbranche geschrieben.

Inzwischen geht es nur noch um interessante Videos, das Erstellen interessanter Videos und das Verbreiten interessanter Videos auf YouTube. Ja ich weiß, klingt langweiliger - macht aber Spaß!

Ich hoffe dir gefällt der Artikel trotzdem (oder gerade deswegen?)

crowdsourcing - Netztempel - Konrad Tempel

Die Kreativbranche hat traditionell ein großes Wertschätzungsproblem. Jeder kennt sicher Sätze wie: “Mach mir doch bitte mal eben schnell einen Flyer”, “Kannst du nicht zwischendurch kurz ein paar schnelle Fotos schießen”, “ich hätte gern ein total simplen Jingle, was ganz schnelles”. Wobei schnell gern synonym für günstig bzw. kostenlos verwendet wird.

Was ist Crowdsourcing?

Ein Internetphänomen treibt dieses Verständnis von kreativer Leistung als schnelle und billige Massenware seit ein paar Jahren immer weiter voran: das so genannte Crowdsourcing. Bei Anbietern wie http://www.audiodraft.com/, http://www.designenlassen.de/ oder http://www.scoopshot.com/ wird das Prinzip der Marktwirtschaft umgedreht. Die Kunden schreiben in einem oberflächlichen Briefing ihre Vorstellungen nieder und legen den Preis fest. Jetzt erstellen möglichst viele Selbständige einen ausgearbeiteten Entwurf und am Ende kann sich der Kunde den, in seinen Augen besten, aussuchen. Der Ersteller des Siegerentwurfes bekommt das ausgeschriebene Geld und das Projekt ist beendet. Alle anderen gehen leer aus.

Ist Crowdsourcing wirtschaftlich fair?

Auf den ersten Blick klingt das gar nicht so unfair. Schließlich ähnelt es doch im Grunde dem klassischen Pitch, oder etwa nicht? Erst wenn man das Konzept auf einen herkömmlichen Dienstleister überträgt, wird die Absurdität deutlich: Ein hungriger Mensch bestellt bei 50 verschiedenen Lieferdiensten jeweils eine ofenfrische Pizza. Nachdem er alle Varianten probiert hat, isst er nur eine tatsächlich auf. Das betreffende Restaurant bekommt einen weit unterdurchschnittlichen Preis für die Speise und alle 49 anderen haben umsonst gekocht.

Man kann sich gut vorstellen, dass es in einem solchen System nicht möglich ist, einen wirtschaftlichen Pizzadienst zu betreiben. Warum wird dies also von den Kreativen erwartet?

Der Hauptunterschied zum klassischen Pitch besteht, neben dem nicht vorhanden Pitch-Honorar (oder zumindest den Spesen) in der absurd niedrigen Preisgestaltung. Designenlassen.de empfiehlt für eine Logogestaltung den Standartpreis von 310€ netto. Nehmen wir an es werden 100 Vorschläge eingereicht und jeder Designer arbeitet nur 8 Stunden an einem Logo, dann ergibt sich eine Gesamtstundenzahl von 800. Das währen knapp 0,39 € die der Auftraggeber pro geleistete Arbeitsstunde kalkuliert. Der Designer, welcher am Ende den Zuschlag bekommt, hat mit Reinzeichnung und Projektabwicklung sicherlich noch einmal mindestens 4 Stunden Arbeit vor sich und bekommt somit einen Stundenlohn von 25,83 €.

Das es sich dabei schon um einen Dumping-Stundensatz handelt habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich behandelt. Außerdem ist zu bedenken, dass ein Teilnehmer ja nicht jedes mal den Gewinnerentwurf beisteuert. Sehr optimistisch gerechnet schafft er es vielleicht bei jeder zehnten Einreichung. Dann schrumpft der erwirtschaftete Stundenlohn schon auf magere 3,60 €.

Was sagen die Betreiber

Das Hauptargument der Betreiber von Crowdsourcing Plattformen lautet: Der Dienst werde hauptsächlich von Existenzgründern und Kleinstunternehmen benutzt, welche eben nur so wenig Geld übrig hätten und alternativ unter Umständen überhaupt nichts beauftragen würden.

Es herrscht also ein starke Sensibilisierung für die Existenznöte der kleinen Firmen. Die niedrigen Preise werden mit der unternehmerischen Kalkulation der Auftraggeber gerechtfertigt. Und auf der anderen Seite wird den Kreativen eine solche kostendeckende Kalkulation mit dem verwendeten Preiskonzept komplett abgesprochen. Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Und dass nicht unbedingt nur kleine Auftraggeber das Crowdsourcing nutzen, zeigt der Fall FH Trier. Die Fachhochschule, immerhin mit einem eigenen Kommunikationsdesign Studiengang, stellte Mitte 2012 ein Projekt bei 12designer.com ein. Für das Layout des eigenen Internetauftritts fh-trier.de wurden 600€ bereitgestellt. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Branche.

Bietet Crowdsourcing auch Chancen?

Der Prozess hin zur Globalisierung und Demokratisierung von Dienstleistungen ist im Grundsatz ja nicht verwerflich. Es öffnen sich hier auch neue Chancen für Kreative, denen der Zugang zu einem so vielfältigen Kundenkreis bisher verschlossen blieb. So kann beispielsweise ein Grafiker aus Uruguay viel leichter auch am europäischen Markt teilnehmen und bekommt dafür eine verhältnismäßig gute Entlohnung. Auf der anderen Seite besteht die akute Gefahr, dass Kreativität und Gestaltung von den Kunden nicht mehr in adäquater Weise wertgeschätzt werden.

Hier ist Aufklärungsarbeit der Kreativen gefordert. Es gilt zu Unterscheiden zwischen einem Instantprodukt, welches ohne richtiges Briefing, ohne persönlichen Kontakt und ohne organische Entstehungsphase für günstiges Geld “von der Stange” gekauft werden kann und einer persönlichen und individuellen, in einem begleiteten Schöpfungsprozess entstandenen Kreativleistung, welche den Kunden maßgeschneidert in all seinen Facetten erfasst und repräsentiert.

Fazit

Wer als Kreativer wirtschaftlich solide kalkulieren will und dabei auch noch innovative und gute Arbeit leisten möchte dem sei dringend von Crowdsourcing abgeraten. Hier verdient man kein Geld und am ende gewinnt nicht der beste Vorschlag mit dem höchsten Nutzwert, sondern der gefälligste. Denn für Innovationen und Veränderung ist eine persönliche Präsentation unumgänglich. Und wer als Auftraggeber eine wirkliche Wertschöpfung für sein Unternehmen bekommen möchte, der kommt nicht um eine persönliche Beratung und Begleitung herum.

Eine Wertsteigerung durch Auftreten und Erscheinung eines Unternehmens kann eben nur erreicht werden wenn auch Wertschätzung gegenüber der kreativen Arbeit gezeigt wird.

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2 Comments
  • Konrad Höfer
    Posted at 15:42h, 30 April Antworten

    Das hier besprochene Crowdsourcing, also das Auslagern von Arbeitsressourcen in die Menschenmasse ist bitte nicht zu verwechseln mit dem Crowdfunding. Dabei geht es um das Spendensammeln von der Masse für ein Projekt.

  • Fundstück: Do Not Touch | visuelle welt
    Posted at 12:08h, 08 Mai Antworten

    […] handelt es sich hier auch um eine Art des Crowdsourcing. Unter der Beteiligung von vielen entsteht ein Produkt, von dem am Ende nur die […]

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